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Helmstedter Ärztin schult junge Kinderärzte in Afghanistan und plädiert für eine grundsätzliche Änderung der Entwicklungspolitik.
Nein Resignation gehört nicht zu ihrem Vokabular. Die pensionierte Kinderärztin Dr. Gudrun Scharifi aus Mariental bei Helmstedt ist nach 26 Jahren humanitärer Hilfe für Afghanistan allerdings tief enttäuscht. Die Politik müsste dringend an den Gegebenheiten des Landes und den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet werden.
“Was sollen die Afghanen mit Kühlschranken, wenn sie keinen Strom haben und nichts was man in einem Kühlschrank kühlt?”,
spitzt Scharifi das generelle Problem einer falschen Schwerpunktsetzung zu.
Die Ärztin ist vor wenigen Wochen aus Afghanistan zurückgekehrt. Das Land ist ihre zweite Heimat, ihr verstorbener Mann war Afghane. Von 1971 bis 1975 waren sie als Ärzte in Kabul tätig, wo die Familie mit den Kindern lebte.
Gudrun Scharifi gehört zu den Mitbegründern des “Ärztevereins für afghanische Flüchtlinge”, sie sammelt noch immer Spenden; der Verein schickte Container mit medizinischem Gerät und Krankenhausbetten, vor allem Kinderbetten, nach Afghanistan. Scharifi arbeitete immer auch als Kinderärztin in Polikliniken und Flüchtlingslagern. Zur Politik will sie sich eigentlich nicht äußern, aber dann sagt sie:
“Es ist doch bitter, wie wenig man von Afghanistan weiß und wie dieses Land zugleich zum Spielball von Interessen geworden ist. “
Scharifi verweist auf die USA, China, Indien und Pakistan. Das gute Verhältnis zu Deutschland ändere sich. Es gebe zwar eine historisch begründete Freundschaft, aber nach ihrer Beobachtung gilt dies für die jüngere Generation nicht mehr
“. Im Westen werde von Demokratie geredet, aber die Afghanen seien das Leben in Clan-Strukturen gewohnt. ” Traditionen können nicht an Schreibtischen fernab aufgehoben werden.”
Im Übrigen gelte:
“Wer ist Taliban, wer nicht? Das ist keineswegs einfach zu beantworten. Die Grenzen sind fließend.”
Scharifi hat bei ihrem jüngsten, vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst finanzierten Aufenthalt junge Kinderärzte in Kabul geschult: “Grundwissen in Kinderheilkunde“. Sie sagt:
“Es ist unsinnig, eine Untersuchung mit dem Ultraschallgerät zu machen, wenn man nicht weiß, wie man einen Bauch abtastet. Gerade in diesen Ländern ist eine gründliche Untersuchung mit Stethoskop, Ohrenspiegel, Spatel und Lampe wichtig. Ein Kind muss zur Untersuchung ausgezogen werden, aber es fehlt an gut eingerichteten Polikliniken, an gut ausgebildeten Schwestern und Pflegern, es fehlt an allem.”
Sie ergänzt:
” Man mag es kaum glauben, wenn eine Universitätskinderklinik, die seit einem Jahr in Betrieb sei, keine zentrale Sauerstoffversorgung hat, eine Neugeborenenstation keinen Wasseranschluss – der in der Zwischenzeit mit unserer Hilfe installiert wurde – und keine Sets für Knochenmarkspunktionen vorhanden sind.”
Scharifi kehrt zum Ausgangspunkt zurück:
“Solange zum Beispiel Frauen keine Möglichkeit haben, Geld zu verdienen, können sie sich nicht emanzipieren. Und solange Mädchen nicht als Kinder gegen ihren Willen verheiratet werden, ist die Bildungspolitik irgendwo verfehlt.”
Auch wenn sie vielleicht ein bisschen müde geworden ist, aufgeben kommt für die Ärztin nicht in Frage. Sie will ein praktischen Beitrag leisten, kleine Schritte , die etwas bewirken.
“Vielleicht ist nicht alles umsonst gewesen”,
sagt sie.
Link zum Original PDF Zeitungsartikel, Autor Reinhard Brennecke
Veröffentlicht am 16.10.2010 in der Braunschweiger Zeitung
19. Dezember 2010
Dr. Mohammad Ayub Shinwari arbeitet zurzeit im Klinikum Lippe-Detmold
Von Thorsten Engelhardt
Mehr als 5000 Kilometer ist Afghanistan von Lippe entfernt, dennoch sind die Verbindungen in das kriegsgeschüttelte Land am Hindukusch eng.

Hospitiert in Detmold: Dr. Mohammad Ayub Shinwari aus Jalalabad bildet sich am Klinikum fort.
FOTO: ENGELHARDT
Dr.Mohammad Ayub Shinwari ist ein Beispiel dafür.
Der Arzt aus Jalalabad im Osten Afghanistans hospitiert derzeit am Klinikum Lippe-Detmold. Shinwari kommt aus einer Region des Landes, in der der Krieg täglich sichtbar ist. Daneben kann er aber vor allem auch Armut und mangelnde Bildung an den Krankheiten ablesen, die ihm auf der inneren Station des „Jalalabad Public Health Hospital” begegnen: Hauptsächlich seien es Infektionskrankheiten und Tuberkulose.
Das Distrikt-Krankenhaus hat 450 Betten und ist damit nach Shinwaris Angaben das größte in der Provinz Ningahar mit 1,5 Millionen Menschen. Hinzu kommen noch drei kleinere Hospitäler und Stationen zur medizinischen Grundversorgung in den kleineren Orten der Provinz.
Seit 19 Jahren arbeitet der 43-Jährige als Doktor, vier verschiedene Regimes hat er erlebt – und den seit 30 Jahren toben- den Krieg im Land.
„Mal war es besser, mal war es schlechter”, sagt er. In jüngster Zeit habe sich die Situation wieder gebessert.
Doch einfach ist das Leben für den sechsfachen Familienvater deshalb nicht. Die Taliban nähmen gern Ärzte, Lehrer und Ingenieure als die Intelligenz des Landes zur Zielscheibe, weil diese die Bemühungen um einen Aufbau und Bildung verkörperten.
Dr. Atuallah Zulfacar, ein seit Jahrzehnten in Detmold lebender Arzt aus Afghanistan, versucht das einzuordnen. Afghanistan sei ein Spielball ausländischer und geostrategischer Interessen. Nicht zuletzt der pakistanische Geheimdienst habe ein Interesse daran, den Wiederaufbau des Landes zu behindern.
Auch ohne Krieg ist das Leben für Dr. Shinwari schwer.
315 Dollar verdient er im Monat, den Großteil davon zahlt eine Nichtregierungsorganisation. Der Staat gebe ihm nur 70 Dollar.
„Damit kann man nicht überleben”, sagt Zulfacar.
Deshalb seien viele Ärzte nur vormittags in den Krankenhäusern und versuchten nachmittags, in der eigenen Praxis dazu zu verdienen.
Dr. Shinwari ist einer von zehn Ärzten, die der Dachverband afghanischer Mediziner in Deutschland pro Jahr zu Hospitationen in die Bundesrepublik holt. Der Deutsche Akademische Austauschdienst übernehme die Kosten, sagt Zulfacar.
In den vergangenen Jahren sei es zunehmend schwieriger geworden, Fachpersonal für die Unterweisung afghanischer Kollegen zu einer Reise an den Hindukusch zu bewegen. Daher versuche man nun, Mediziner aus dem Land in Deutschland fortzubilden.
Frauen würden dabei bevorzugt, aber es gebe nur wenige Ärztinne
Betten aus Lippe für Kinder in Kabul
Medizinische Hilfe aus Lippe erreicht Afghanistan nicht nur durch ärztliche Fortbildung, sondern auch durch Hilfslieferungen. Im vergangenen Jahr schickte Dr. Ataullah Zulfacar namens des „Ärztevereins für afghanische Flüchtlinge” zuletzt einen Container mit Material,dass das Klinikum Lippe gespendet hatte, in seine ehemalige Heimat. Darin enthalten waren Ausstattung für die Kinderklinik des zur Universität gehörenden Maiwand-Hospitals in der Hauptstadt Kabul und medizinische Geräte für eine von dem Verein errichtete Poliklinik in dem Ort Chewa im Osten des Landes. „Das ist ein wichtiger Brückenschlag zwischen Deutschland und Afghanistan.
Wir sind dankbar für die große Hilfe”, so Zulfacar. In diesem Jahr flog der Detmolder Mediziner wieder nach Kabul, um dort Mediziner auszubilden. Im Rahmen dieses Besuches wurde dann gemeinsam mit dem „German Medical Service”, einer seit Jahrzehnten im Land tätigen Hilfsorganisation, der Rest der gespendeten Ausstattung – zum Beispiel Vorhänge für die Zimmer – in dem Krankenhaus installiert. (te)

Hilfe zur Selbsthilfe: In der Poliklinik von Chewa erklärt ein afghanischer Arzt einer jungen Frau, wie sie mit den Medikamenten umgehen muss, die er ihr verschrieben hat. Die Klinik wird von afghanischen Ärzten aus Deutschland unterstützt, Teile der Ausstattung hat das Klinikum Lippe gespendet.
10. November 2010
Eine lange Reise tritt der Container an, der gestern auf dem Gelände des Detmolder Klinikums gepackt wurde. Er enthält Gegenstände für ein Kinderkrankenhaus in Kabul und eine Poliklinik in Chewa im Osten Afghanistans.

Pressebild Dr. Zulfacar Lippische Landeszeitung
Der Detmolder Arzt Dr. Ataullah Zulfacar hat den Container gemeinsam mit Helfern gefüllt. Vor allem Kinderbetten, Nachtschränke, Wäsche und Matratzen, die im Klinikum Detmold nicht mehr benötigt werden, sollen in der afghanischen Hauptstadt weiter genutzt werden. Dort werde derzeit eine zur Universität gehörende Kinderklinik aufgebaut, sagte der Vertreter des Ärztevereins für afghanische Flüchtlinge (AFAF e.V.).
Medizinisches Gerät wie ein EKG oder ein Ultraschallgerät sind hingegen für die Poliklinik in Chewa bestimmt, die von dem Verein unterstützt wird. Die in einem kaum entwickelten Gebiet liegende Praxis behandelt nach Zulfacars Angaben rund 1000 Patienten im Monat, meist Frauen und Kinder. Im gleichen Ort unterstütze der Verein auch eine Grundschule, die erweitert werden soll.
„Wichtig ist uns, die einheimische Bevölkerung dabei einzubinden, damit sie den Wert richtig einschätzen kann“,
erläuterte Zulfacar. Vor allem setzt der Ärzteverein aber darauf, medizinisches Personal im Land auszubilden, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.
Seiner Auffassung nach kommt der zivile Wiederaufbau Afghanistans zu kurz, die militärische Komponente des westlichen Engagements werde viel höher angesiedelt. Militär werde aber keine Lösung der afghanischen Probleme herbeiführen, die Afghanen brauchten vielmehr eine Alternative zum Krieg, der ein Teil des Einkommens geworden sei.
Zulfacar kritisierte gegenüber der LZ aber auch die übergeordende und korrupte Bürokratie des Landes. Sie stelle das größte Hemmnis dar. Aber auch die deutschen Entwicklungsbehörden hätten lange Entscheidungswege und hörten nicht ausreichend auf Kräfte wie den Verein, die das Land kennen
Veröffentlicht: Am Dienstag dem 24.11.2009
Quelle: Lippische Landeszeitung
Presseartikel als PDF
25. November 2009
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